Insights

Das Kurzzeitgedächtnis der KI

Kurz nach einer Nachricht sind ChatGPT und Co. erstaunlich aktuell. Fünf Tage später gibt die Mehrheit wieder den alten Stand wieder. Ob eine Antwort stimmt, entscheidet die Quelle, die der Assistent gerade findet.

Sascha KirsteinSascha Kirstein
In diesem Artikel

aclipp ist eine europäische PR-Analytics-Plattform für Medienbeobachtung, PR-Analyse und AI-Visibility, also die Sichtbarkeit von Marken und Themen in KI-Antworten. Diesmal wollten wir wissen, wie KI-Assistenten mit einer Nachrichtenlage umgehen, die sich innerhalb von Tagen weiterbewegt. Neun Tage lang haben wir sieben Assistenten dieselben zwölf Fragen zu den Berliner Sondierungen von SPD, Grünen und Linken gestellt. Die Kernergebnisse stehen in der Pressemitteilung, hier schauen wir zusätzlich auf die zitierten Medien.

Die Befunde in Kürze

  • Kurz aktuell, dann verblasst es. Sieben Stunden nach dem Abschluss der Sondierungen kannten 17 von 19 Antworten das Ergebnis. Den nächsten Schritt kannten am Tag danach 55 Prozent, fünf Tage später nur noch 39 Prozent.
  • Die Antwort steht nicht fest. Zweimal am selben Tag gefragt, nennt in fast jedem fünften Fall nur eine der beiden Antworten die Entscheidung.
  • Viele Berichte helfen nicht automatisch. Über die Entscheidung erschienen 217 Artikel. Die Assistenten zitierten trotzdem vor allem die älteren.
  • Eine Antwort ist nur so aktuell wie ihre Quellen. Mit einem Artikel von nach der Entscheidung stimmten 84 Prozent der Antworten, sonst 33 Prozent.
  • Jeder Assistent hat seine Stammlektüre. ChatGPT zitiert die frischesten Quellen und kennt den neuen Stand in drei von vier Antworten, Perplexity in einer von zehn.

Erst aktuell, dann überholt

Sieben Stunden nach der Pressekonferenz zum Abschluss der Sondierungen am 17. Oktober gaben 17 von 19 Antworten das Ergebnis wieder. Am 19. Oktober stimmten Grünen-Parteitag und SPD-Landesvorstand Koalitionsverhandlungen zu. Diesen neuen Stand gab am Tag danach nur rund die Hälfte der Antworten richtig wieder, danach ging er schnell wieder verloren. Am 25. Oktober stellten vier von zehn Antworten die Entscheidung noch als offen dar.

Liniendiagramm: Anteil der Antworten auf Fragen nach dem aktuellen Stand, die den tatsächlichen Stand wiedergeben, vom 17. bis 25. Oktober 2026. Nach dem Abschluss am 17.10. fast 100 Prozent aktuell, nach der Zustimmung der Gremien am 19.10. sinkt der aktuelle Stand von 55 auf 39 Prozent, der überholte Stand steigt auf 61 Prozent. Darunter Balken mit den Medienartikeln je Tag, 297 am 19.10.
Antworten auf Fragen nach dem aktuellen Stand und Medienartikel je Tag, 17. bis 25. Oktober 2026.

An der Berichterstattung lag es nicht. Am 19. Oktober erschienen 217 Artikel über die Entscheidung, darunter eigene Berichte von tagesschau.de, Deutschlandfunk, SPIEGEL und rbb24. Die Assistenten haben sie zu selten herangezogen.

Eine Antwort ist nur so aktuell wie ihre Quellen

KI-Assistenten lernen eine Nachrichtenlage nicht, sie suchen bei jeder Frage neu. Welcher Stand in einer Antwort steht, hängt also davon ab, welchen Artikel die Suche just liefert.

Balkendiagramm: Antworten vom 20. bis 25.10. zur Gremienentscheidung. Zitiert die Antwort mindestens einen Artikel von nach dem Beschluss, ist sie zu 84 Prozent richtig (251 Antworten). Zitiert sie nur ältere Artikel, ist sie zu 33 Prozent richtig und zu 63 Prozent falsch (230 Antworten).
Antworten vom 20. bis 25. Oktober 2026 zur Gremienentscheidung, getrennt nach dem Alter der zitierten Quellen.

Und die Suche liefert vor allem die großen Artikel vom Abschluss. Der meistzitierte Bericht der ganzen Messung ist „Linke, Grüne und SPD verkünden Durchbruch bei Sondierungen in Berlin“ von tagesschau.de mit 223 Zitaten, der Bericht von tagesschau.de über die Zustimmung der Gremien kommt auf 23. Alle Berichte über die Entscheidung zusammen erreichten nie mehr als 7 Prozent der Zitate, die Artikel zum Abschluss jeden Tag 16 bis 20 Prozent. Eine dpa-Meldung vom 27. September wurde über ihre vielen Übernahmen sogar häufiger zitiert als jeder einzelne Bericht über die Entscheidung.

Jeder Assistent hat seine Stammlektüre

Gut jedes fünfte der 4.571 Zitate ging an tagesschau.de, und über die Woche wurde es mehr: Öffentlich-rechtliche Angebote stellten am 17. Oktober 35 Prozent der Zitate, am 25. Oktober 46 Prozent. Dabei liest jeder Assistent anders.

AssistentMeistzitierte DomainAnteil an seinen Zitaten
Microsoft Copilottagesschau.de40 %
ChatGPTtagesschau.de38 %
Google AI Modetagesschau.de29 %
Google AI Overviewtagesschau.de25 %
Mistralrbb24.de24 %
Geminizdfheute.de15 %
Perplexitytagesschau.de, tagesspiegel.deje rund 13 %

20. bis 25. Oktober 2026. Bei Gemini folgen spiegel.de und zeit.de mit je 14 Prozent. Für Perplexity sind nur die 50 meistzitierten Domains erfasst, die Anteile dort sind leicht überschätzt.

Diese Stammlektüre prägt am Ende auch die Qualität der Antworten. ChatGPT zitiert die frischesten Quellen und gibt den neuen Stand deutlich häufiger richtig wieder als die anderen Assistenten.

Balkendiagramm: Anteil der Antworten vom 20. bis 25.10., die die Zustimmung der Gremien wiedergeben. ChatGPT 75 Prozent, Google AI Mode 46, Google AI Overview 41, Gemini 25, Microsoft Copilot 21, Mistral 18, Perplexity 10 Prozent.
Wer kennt die Gremienbeschlüsse vom 19. Oktober? Anteil der Antworten vom 20. bis 25. Oktober 2026, erstes Fragenset.

Selektive Amnesie

Manche Ereignisse bleiben, andere verschwinden. Den Abschluss vom 17. Oktober nennen bis zum Ende rund zwei Drittel der Antworten, die gemeinsame Vereinbarung der drei Parteien vom 8. Oktober rund die Hälfte. Beide standen in Agenturmeldungen immer wieder im Hintergrundabsatz. Das Video einer Linken-Abgeordneten bestimmte am 16. Oktober 54 von 72 Medienartikeln, in den KI-Antworten kam es nie über 11 Prozent.

Liniendiagramm: Anteil aller Antworten, die ein Ereignis erwähnen, vom 17. bis 25.10. Am 25.10.: Abschluss vom 17.10. 67 Prozent, Vereinbarung vom 08.10. 49 Prozent, Einigung vom 14.10. 24 Prozent, Video vom 15./16.10. 7 Prozent. Darunter Medienartikel je Tag ab dem 13.10.
Anteil aller Antworten, die das Ereignis erwähnen. Eine Antwort kann mehrere Ereignisse nennen.

Was das für Kommunikationsteams heißt

  • Eine Meldung ist kein Garant. Dass die eigene Meldung oder eine Korrektur erscheint, heißt noch nicht, dass KI-Antworten sie wiedergeben. Und wenn sie es tun, dann nicht zwangsläufig auch ein paar Tage später.
  • Die zitierten Artikel zählen, nicht die Menge. Welche Artikel die Assistenten heranziehen, zeigen ihre Quellen. Wer früh im meistzitierten Bericht steht, hat vermutlich den größten Vorsprung.
  • Hintergrundabsatz und eigene Seite helfen. Was in den wiederkehrenden Hintergrund der Agenturmeldungen wandert, hält sich am längsten. Und Seiten von Parteien und Institutionen wurden am Ende der Woche doppelt so oft zitiert wie am Anfang. Eine gepflegte Seite mit dem aktuellen Stand ist ein Hebel, den man selbst in der Hand hat.
  • Einmal messen reicht nicht. Aussagekräftig ist erst der Verlauf über mehrere Tage und mehrere Assistenten.

Für Redaktionen heißt das: Wer mit einem KI-Assistenten einen aktuellen Stand recherchiert, sollte das Datum der zitierten Quellen prüfen.

Methode und Grenzen

  • Messung: Sieben Assistenten, zwölf neutrale Fragen wie „Wie ist der Stand der Regierungsbildung in Berlin?“, täglich vom 17. bis 25. Oktober 2026, gemessen mit aclipp aus Deutschland. Zusammen 1.363 Antworten und 4.571 zitierte Links, abgeglichen mit 993 Medienartikeln.
  • Auswertung: KI-Agenten (Claude von Anthropic) haben jede Antwort kodiert. Von 30 Antworten, die wir von Hand geprüft haben, waren 29 richtig kodiert.
  • Grenzen: Eine Nachrichtenlage in einem Zeitraum. Die Ergebnisse zeigen Muster, keine statistisch abgesicherten Effekte. Wir bewerten keine Partei und keine Person.

Alle Grafiken, Kennzahlen und die Aufschlüsselung der zitierten Medien stehen in der Pressemitteilung zum Download, frei zur Verwendung mit Quellenangabe „aclipp“. Wenn du wissen willst, welche Quellen die Assistenten zu deinen Themen heranziehen: Das GEO-Playbook führt Schritt für Schritt durch ein eigenes Projekt.

Sascha Kirstein

Autor

Sascha Kirstein

CEO & Founder, aclipp