aclipp-Auswertung · KI-Assistenten und laufende Nachrichtenlagen
Spremberg,
Erst aktuell, dann überholt: KI-Assistenten vergessen neue Entwicklungen und antworten mit der Zeit immer öfter falsch
Auswertung von aclipp: Fünf Tage nach einer politischen Entscheidung geben 6 von 10 Antworten von ChatGPT, Gemini und Co. einen veralteten Stand wieder, Tendenz steigend. Ausschlaggebend sind die zitierten Quellen: Stützt sich ein Assistent auf einen aktuellen Artikel, stimmt die Antwort meist.
KI-Assistenten wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity bleiben bei laufenden Nachrichtenlagen oft beim alten Stand stehen. Das zeigt eine Auswertung von aclipp. Vom 17. bis 25. Oktober 2026 hat aclipp sieben KI-Assistenten täglich dieselben zwölf Fragen zu den Berliner Sondierungen von SPD, Grünen und Linken gestellt und die Antworten mit über 900 Medienartikeln und den zitierten Quellen abgeglichen. Das Ergebnis: Neue Entwicklungen kommen nur teilweise an und gehen nach wenigen Tagen wieder verloren, weil die Assistenten weiter ältere Artikel zitieren. Für Kommunikationsteams heißt das: Ein neuer Stand, eine Korrektur oder Klarstellung kommt nicht automatisch in den KI-Antworten an, nur weil die Medien darüber berichten.
Solange die Sondierungen liefen, waren die Antworten auf die Fragen nach dem aktuellen Stand fast durchgehend aktuell. Am Abend des 17. Oktober, sieben Stunden nach der Pressekonferenz zum Abschluss, gaben 17 von 19 Antworten das Ergebnis wieder. Am 19. Oktober stimmten Grünen-Parteitag und SPD-Landesvorstand Koalitionsverhandlungen zu. Diesen neuen Stand gab am Tag danach gut die Hälfte der Antworten wieder (55 Prozent), am 25. Oktober nur noch 39 Prozent. Der Anteil veralteter Antworten stieg im selben Zeitraum von 42 auf 61 Prozent. Vier von zehn Antworten stellten die Entscheidung am 25. Oktober noch als offen dar.

Die Antwort ist so aktuell wie ihre Quellen
Ob eine Antwort stimmt, hängt vor allem davon ab, welche Quellen der Assistent zitiert. Antworten ab dem 20. Oktober, die mindestens einen Artikel von nach der Entscheidung zitieren, geben zu 84 Prozent den richtigen Stand wieder. Stützt sich eine Antwort nur auf ältere Artikel, sind es 33 Prozent.
Dabei greifen die Assistenten immer wieder zu denselben großen Artikeln. Die beiden Berichte von tagesschau.de zum Abschluss am 17. Oktober stehen am 25. Oktober in fast jeder zweiten Antwort als Quelle (47 Prozent), der Bericht von tagesschau.de über die Zustimmung der Gremien nur in 2 Prozent. An fehlender Berichterstattung liegt es nicht: Am 19. Oktober erschienen 217 Artikel über die Entscheidung, viele davon Übernahmen von Agenturmeldungen, aber auch eigene Berichte von tagesschau.de, Deutschlandfunk, SPIEGEL und rbb24.
Gut jedes fünfte Zitat geht an tagesschau.de. Öffentlich-rechtliche Angebote stellen am 17. Oktober 35 Prozent aller Zitate, am 25. Oktober 46 Prozent. Eine dpa-Meldung vom 27. September wird über ihre Übernahmen in Tagesspiegel, SZ, ZEIT ONLINE und anderen Portalen in jedem Lauf zitiert, insgesamt 130 Mal, und damit öfter als jeder einzelne Bericht über die Zustimmung der Gremien.

Nicht jedes Thema bleibt hängen
Wie lange sich ein Ereignis in den Antworten hält, ist sehr unterschiedlich. Den Abschluss der Sondierungen vom 17. Oktober nennen bis zum 25. Oktober rund zwei Drittel der Antworten, die gemeinsame Antisemitismus-Vereinbarung der drei Parteien vom 8. Oktober rund die Hälfte. Beide standen in Agenturmeldungen immer wieder als Hintergrund. Die Einigung auf die Wiederaufnahme der Gespräche vom 14. Oktober nannten am Mittag des 17. Oktober noch 66 Prozent der Antworten, am 25. Oktober nur noch 24 Prozent. Viel Berichterstattung allein reicht nicht: Das Video einer Linken-Abgeordneten und die Distanzierung ihrer Fraktionsspitze bestimmten am 16. Oktober 54 von 72 Medienartikeln. In den KI-Antworten spielte es nie eine große Rolle (5 bis 11 Prozent).

Große Unterschiede zwischen den Assistenten
ChatGPT nennt die Zustimmung der Gremien ab dem 20. Oktober in 54 von 72 Antworten. Perplexity zitiert mit rund zehn Quellen je Antwort die meisten, aber auch die ältesten (im Median zwölf Tage alt) und nennt die Zustimmung nur in 7 von 72 Antworten. Knapp jede zehnte Antwort aller Assistenten enthält einen belegbaren Sachfehler, meist ein falsches Datum oder eine falsche Zuordnung zu einer Partei.

Was das für Kommunikation bedeutet
„Ein KI-Assistent kennt einen neuen Stand nicht automatisch, nur weil es neue Nachrichten gibt. Und selbst wenn eine Entscheidung, eine Korrektur oder eine Klarstellung in den Antworten angekommen ist, bleibt sie dort nicht zwangsläufig. Nach ein paar Tagen greifen die Assistenten wieder auf ältere Artikel zurück“, sagt Sascha Kirstein, Gründer und Geschäftsführer von aclipp. „Ob eine Botschaft ankommt und ob sie bleibt, zeigt nur eine wiederholte Messung über mehrere Assistenten.“
Einordnung
Wie zuverlässig KI-Assistenten Nachrichten wiedergeben, haben bereits mehrere Untersuchungen geprüft. Die Studie der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und der BBC hat 2025 gezeigt, dass KI-Assistenten Nachrichteninhalte häufig verzerrt wiedergeben. Ein Echtzeit-Audit der Stanford University fand 2026, dass die besten Assistenten Fragen zu Nachrichten vom selben Tag zu über 90 Prozent richtig beantworten. Beide messen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die aclipp-Auswertung schaut auf die Tage danach: wie sich die Antworten entwickeln, wenn sich die Nachrichtenlage weiterbewegt.
Methode
- Abfrage: 12 neutral formulierte Fragen, etwa „Wie ist der Stand der Regierungsbildung in Berlin?“. Keine Frage nennt einzelne Personen oder das Video. Abgefragt wurden ChatGPT, Gemini, Google AI Mode, Google AI Overview, Microsoft Copilot, Mistral und Perplexity mit Standort Deutschland. Abgefragt wurde ausgeloggt, mit dem Modellstand, den Nutzer am jeweiligen Tag auch bekamen.
- Umfang: Zwei identische, parallel laufende Fragensets: das erste ab 17. Oktober, 13:50 Uhr (679 Antworten, 4.494 zitierte Links), das zweite ab 17. Oktober, 21:35 Uhr (684 Antworten). Danach täglich bis zum 25. Oktober.
- Abgleich: 531 Medienartikel bis 18. Oktober und 462 Artikel vom 19. bis 25. Oktober aus dem aclipp-Medienmonitoring und einer ergänzenden Websuche.
- Auswertung: KI-Agenten (Claude von Anthropic) haben jede Antwort nach festem Raster kodiert: welche Ereignisse sie nennt, welchen Stand sie darstellt, welche Quellen sie zitiert. aclipp hat eine Zufallsstichprobe von 30 Antworten von Hand geprüft: Bei 29 von 30 stimmt die Kodierung. Sachfehler wurden nur gezählt, wenn ein Artikel aus dem Datensatz sie widerlegt.
- Zitierte Medien: Zitate aus dem ersten Fragenset je Lauf, gezählt je Link in einer Antwort (4.571 Zitate nach Auflösung weitergeleiteter Links).
- Schwankung: Stellt man demselben Assistenten am selben Tag dieselbe Frage zweimal, nennt in 18 Prozent der Fälle die eine Antwort die Zustimmung der Gremien und die andere nicht. Einzelne Antworten sind Momentaufnahmen, der Verlauf über die Tage ist in beiden Sets gleich.
- Grenzen: Eine Nachrichtenlage, ein Zeitraum, eine Antwort je Frage, Assistent, Tag und Set. Die Ergebnisse beschreiben Muster, keine statistisch abgesicherten Effekte.
Hintergrund im Blog: Das Kurzzeitgedächtnis der KI
Grafiken, Kennzahlen und die Aufschlüsselung der zitierten Medien stehen oben zum Download. Abdruck mit Quellenangabe „aclipp“ frei. Sascha Kirstein steht für Interviews und Hintergrundgespräche zur Methode zur Verfügung.
Berichterstattung
- Medieninsider: KI-Assistenten als Newsquelle: Eine Technik von vorgestern (Abo)
Über aclipp
aclipp ist die europäische PR-Analytics-Plattform, mit der Kommunikationsteams und PR-Agenturen belegen, was ihre Arbeit bewirkt: in klassischen Medien und in KI-Antworten. Media Monitoring, AI Visibility (GEO) und Reporting in einem Workspace, entwickelt in Deutschland. Das gründergeführte Unternehmen wurde 2020 gegründet und arbeitet mit über 100 Agenturen und Unternehmen in DACH und Europa.
Pressekontakt
Sascha Kirstein, Gründer und CEO
hello@aclipp.com
Medienkit zur Pressemitteilung
Pressemitteilung (PDF)
PDF
Kennzahlen und Methode (Excel)
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Zitierte Medien im Verlauf (Excel)
Welche Domains und Artikel die Assistenten je Tag zitiert haben, nach Quellenart und je Assistent.
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Grafik 1: Erst aktuell, dann überholt
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Grafik 2: Aktuelle Quellen entscheiden über die richtige Antwort
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Grafik 3: Manche Ereignisse bleiben, andere verblassen
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Grafik 4: Die Assistenten im Vergleich
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